Leseprobe

Zweifel
Neue Folge / Dritter Jahrgang / Hefte 4 und 5 / November 2017

Schriftleitung: Rembert Baumann, Andreas Hansen, Cvetana Oberfrank, Bert Papenfuß, Kai Pohl, Rainer Weber, Frank Vögele
Friedelsheim / Frankfurt am Main / Berlin / Stolpe auf Usedom

Zweifel (Neue Folge), 3. Jahrgang, Hefte 4 + 5

Erscheinungsdatum: 1. November 2017

Beiträge

Heft 4:

(E. Fuhrmann, P. Altenberg), Stimmen

Hermann Jan Ooster, Mal die seele (von mensch) baumeln lassen

Jazra Khaleed, Stahl in den Händen

Jazra Khaleed, Festung Griechenland

Kai Pohl, Teechips und Rotzbucker

Ernst Fuhrmann, Zusammenhänge

Hermann Jan Ooster, Descartesianisches Sonett

Bert Papenfuß, Kurzer Lehrgang

Andreas Hansen und  Cornelia Köster, Wenn wir wollten, wie wir könnten. Vier Hinweise zum Thema Aufstand

Christine Sohn, Selbstbefragung mitten im Krieg

Hermann Jan Ooster, Die polnische Kapitulation

 

Heft 5

Ernst Fuhrmann, Hinweis

William Cody Maher, LERNE WIEDER ZU HASSEN

Ernst Fuhrmann, Arbeitsfreude

Lali Gambrekelashvili, Ein Nichts

Jazra Khaleed, Der Klassenhass wird größer

Johann Most, Zum Ursprung des modernen Kapitals

Kai Pohl,|: Letzter Aufruf für den Flug zu Proxima b

Kai Pohl, Popreime sind Aasgebell

Julia Sohn-Nekrasov, Multiple Choice

Hermann Jan Ooster, Gottlos bei 49° C

Ernst Fuhrmann, Die Lehre vom Gesicht

Ernst Fuhrmann, Nebengedanken aus Renés Tagebuch

 

 

Ausschnitte aus den vergangenen Jahrgängen (Jg. 1+ 2)

Die Menschen waren immer die einfältigen Opfer von Betrug und Selbstbetrug in der Politik, und sie werden es immer sein, solange sie nicht lernen, hinter beliebigen moralischen, religiösen, politischen, sozialen Phrasen, Erklärungen und Versprechungen die Interessen dieser oder jener Klasse zu suchen.

Владимир Ильич Ленин (W. I. Lenin)

 

 

Eine Losung ist noch keine Lösung
von Kai Pohl

Was soll ich mich konzentrieren,
ich bin doch kein Konzentrat.
Folge der Losung der Tiere.
Sie scheißen auf den Staat.

Die Wahrheit steckt im Truthahn,
nicht in der Litanei. Generäle,
bis auf den einen der Streik heißt,
gehn mir am Arsch vorbei.

 

Legende und Herrschaft
von Rembert Baumann

Immer schon versuchen Menschen große Ereignisse zu überliefern. Die Gemeinsamkeit der Symbole und die Ähnlichkeit der Legenden in den Kulturen der uns zugänglichen letzten fünfzigtausend Jahre verweisen dabei auf globale kulturelle Einheiten. Die Auseinandersetzung hiermit erhellt kollektive menschliche Erfahrungen, die im Laufe der Geschichte von allen Menschen unabhängig von Zeit und Ort gemacht wurden und allen Kulturen gemeinsam sind. Hieraus lassen sich Einblicke in eine ferne Menschheitsgeschichte entwickeln, die als gemeinsam erscheint, jedoch räumlich tausende von Kilometern und zeitlich viele zehntausend oder mehr Jahre auseinanderliegen kann. Auch heute sind kollektive Legenden der Menschheitsgeschichte allgegenwärtig und beeinflussen das jetzige Leben und Denken ebenso wie das zukünftiger Generationen an jedem Ort.
Die Übermittlung großer Ereignisse und der daraus entstehenden Legenden ist verbunden mit der Klärung der eigenen Position in der wahrgenommenen Welt und der Ergründung der eigenen Herkunft. Die Suche nach der Herkunft, die über die eigene individuelle hinausgeht, setzt die Wahrnehmung des Menschen als Gattung voraus. In diesem Zusammenhang wurde in seiner Entwicklungsgeschichte der Mensch in Abgrenzung zur übrigen anorganischen und organischen Welt, zur Natur gedacht und damit begann der Versuch, sich gegen und über sie zu stellen. Von nun an musste der Mensch mit jedem Versuch erfahren wie wehrlos er ihr gegenübersteht. Der sich entwickelnde Wettkampf mit der Natur wurde fortan unter Einsatz von reichlich viel Zauber gepaart mit Zedern, Jammern und kindlichen Hilferufen geführt: Gebete und Verfluchungen, Opfer und Demut verbunden mit dem Glauben an die Macht einer Natur der Götter, gegen die nur eine noch mächtigere Gewalt hilft – ein einziger allmächtiger Gott.
Im Laufe von Jahrtausenden gelang es dem Menschen mit sich beschleunigendem Tempo, die Natur zu zwingen. Mit Glaubensbekenntnissen an den Allmächtigen auf den Lippen wird noch heute der Selbstbetrug von der „Krone der Schöpfung“ vorangetrieben. Der Mensch brachte es dabei in maßloser Selbstüberschätzung soweit, nun selbst die Macht zu haben, sich der eigenen fragilen Lebensgrundlage zu entledigen. Noch im einundzwanzigsten Jahrhundert durchdringen die großen Religionen mit ungebrochenem Selbstverständnis alle Poren gesellschaftlichen Lebens. Die politischen und ökonomischen Herrscher über die Menschen bedienen sich der religiösen Ideologien zur Stützung der von ihnen als Verheißung propagierten Systeme. Entsprechende Studien belegen, dass die überwiegende Mehrzahl der Menschen weiterhin unbeirrt nicht nur an einen Gott und dessen Hofstaat bestehend aus Engeln, Gottesmüttern und deren Gegenspielern, einer Hierarchie von Teufeln, sondern auch an Geister, allerlei sonstiges Überirdisches und an ein Jenseits mit ähnlichem Personalaufkommen glaubt. Und wenn diese Hierarchien des jeweils „Guten“ oder „Bösen“ nicht gerade ins Jenseits projiziert werden, versucht man sie im Diesseits zu aktivieren. Es hat den Anschein als ob die europäische Aufklärung nur von sehr begrenzter Wirkung war. Vielleicht scheitern musste, weil das Denken ihrer Anhänger durch einen den Religionen inhärenten Dualismus geprägt war. De Sades Libertins ‚emanzipieren‘ sich von den Fesseln der Religion durch Negation ihrer Erscheinungsformen: Entweihung der Hostie als Befreiung. Noch heute erweckt die Umkehrung der Zeichen die Illusion des Anderen im Gegensatz zum Gegenwärtigen.
Vernunft wird zudem von den Dirigenten herrschender Meinung nur solange als nützlich und damit als „vernünftig“ hingenommen, solange sie dem Erhalt herrschender Systeme dient. Hat sie hierin ihre Aufgabe erfüllt, tritt Religion als ergänzendes Lebenselixier an ihre Stelle. So können die wissenschaftlich geschulten Pragmatiker sowohl die Physik als auch die Metaphysik je nach Bedarf für ihre Zwecke instrumentalisieren und jeweils die andere vorübergehend ausschließen.
Der Tatsache, dass noch heute im Namen irgendwelchen Glaubens für die vermeintlich gerechte Sache Mord und Totschlag, Folter und Demütigung, Ausbeutung und Vergewaltigung regelmäßig legitimiert und global praktiziert wird, bringt die Repräsentanten der verschiedenen Religionen wie auch die Produzenten herrschender Meinungen dazu, unermüdlich von doch eigentlich vorherrschender religiöser Toleranz zu sprechen, um sich so von einem religiösen Fundamentalismus, der in der Praxis meist in faschistoider Form auftritt, abzugrenzen.
Religionen und die sie begleitenden Heiligen Bücher enthalten Überlieferungen aus vielen Jahrtausenden und sind so Sammelsurien unterschiedlichster Wertesysteme. Es ist eine Banalität darauf hinzuweisen, dass mit dem gleichen Heiligen Buch sich Güte ebenso wie Rache, Vergeltung und Mord legitimieren lassen, je nachdem wie es denen genehm ist, die mit dem Anspruch auftreten, die Wahrheit der jeweiligen Schrift und damit die Wahrheit auf Erden zu repräsentieren. Religionen sind nicht das Produkt von Offenbarungen. Sie sind Ansammlungen von Legenden, die wie bereits angedeutet auf zeitlich und räumlich weit auseinander liegende große Ereignisse zurückgehen. Oft stellen diese Legenden die Ereignisse in verdichteter und entfremdeter Form dar, manchmal auch anhand ganz konkreter lebenspraktischer Beispiele. Vor diesem entzauberten Hintergrund gelesen können diese Schriften reichhaltigen Einblick in das Leben zurückliegender Kulturen eröffnen. Sie können auch von Episoden friedlichen Zusammenlebens künden und praktische Anleitungen dazu vermitteln. Solche Passagen sind durchaus rational und bedürfen keiner mysteriösen symbolischen Handlungen und keiner Wunder. Die in den Religionen vorhandenen rationalen Elemente eröffnen bei Bedarf die Möglichkeit, die jeweilige Religion als Ganzes offen und tolerant erscheinen zu lassen. Toleranz ist der Schafspelz, in den gekleidet Religionen sich zu Zeiten präsentieren.
Die ideelle Trennung von Mensch und Natur und der mit ihr einhergehende Versuch der Beherrschung der Natur durch den Menschen stehen in direktem Zusammenhang mit dem Ursprung der Religionen. Dieser Versuch hat nicht nur den Menschen in eine prädestinierte Stellung versetzt, sondern auch die Übermittlung gewonnenen Wissens notwendig gemacht. Da die Möglichkeiten der Konservierung und Kommunikation dieses Wissens gering waren, bildeten sich Kasten von Wissenden heraus, die aus ihrem Wissen im Laufe der Zeit Machtpositionen ableiteten. Fortan etablierten sich diese Kasten von Priestern, die, obwohl immer wieder an der Natur scheiternd, den Blick der Anderen mit dem Verweis auf etwas Höheres, zu dem nur man selbst im Kontakt stehe, verbunden mit sich zunehmend ritualisierenden Effekten, blendeten. In blinder Orientierungslosigkeit folgten die Anderen, und die Machtposition der Priester erstarkte. Nun ließen sich dauerhaft Privilegien ableiten. Zur Legitimierung und Sicherung der gewonnenen Privilegien wurden Wertesysteme geschaffen, über deren Einhaltung fortan genau gewacht wurde. Anfangs sicher lebenspraktisch, in Folge der Ritualisierung aber sich zunehmend entfernend von der Lebensrealität, entwickelten sich Gewaltsysteme – notwendig verbunden mit einem Wechselspiel zwischen Unterdrückung und Legitimation. Aufgebaut waren diese Systeme auf den Ideologien von Schuld, Sühne, Vergebung und einem einzigen Gott oder einer Vielzahl göttlicher Wesen, die über die Einhaltung der vermeintlich göttlichen Systeme wachen. Ein perfektes Terrorsystem.
Mit der Einführung der Kategorie Schuld für den Verstoß gegen göttlich veranlasstes Verbot ist ein perfides Instrument installiert, das, da von magisch jenseitigem Ursprung, außerhalb jeden Zweifels gestellt ist. Schuld ist die Entledigung von eigenverantwortlicher Entscheidungsfreiheit. Mit der Enthebung von der Verantwortung für die eigene Entscheidung auf der Ebene von Vernunft tritt fortan die Verantwortung als Synonym für die eigene Schuld an der folgenden Sühne. Strafe und Sühne werden als göttlicher Wille definiert und die Bestrafung als Gottesdienst. Wer der Bestrafung auf Erden entgeht, den holt sie im Jenseits ein. Als Höhepunkt der totalen Unterdrückung wird die Kategorie Vergebung eingeführt. Einzig allein göttlich legitimierte Mächte diesseits oder jenseits sind in der Lage, Vergebung von der Schuld auszusprechen. Nachdem ein System aus Schuld und Sühne in den Köpfen dauerhaft installiert ist, ist die Schaffung des Instruments der Vergebung, der Amnestie die Demonstration und der Beweis einer allgegenwärtigen Macht.
Der Erfolg religiöser Systeme liegt in der Befreiung des Menschen durch die göttliche Determination seines Seins begründet – in der Befreiung von der eigenen uneingeschränkten Freiheit – in der Angst des Menschen vor sich selbst, der eigenen Subjektivität. Mea culpa, mea maxima culpa – ich bekenne mich schuldig – ich bitte vielmals um Entschuldigung – ich bettle um Vergebung. Ich habe nur meine Pflicht getan. Die Enthebung von wirklicher Verantwortung und grundsätzlicher Entscheidung ist das Geschenk der Religionen an die Menschen. Aber sie ist zugleich der Preis für das Sklavendasein in Freiheit mit beschränktem Entscheidungszwang. Die sich ihrer ganzen Subjektivität nicht gewahr werdenden Menschen lassen sich in ihrem Objektsein mit Surrogaten abspeisen. Hier bekommen sie entweder den Mangel als Vollbesitz ihrer selbst vorgegaukelt oder die fehlende eigene Subjektivität wird zum Zugewinn erklärt, zum Aufgehen des Einzelnen in einem Gesamtsubjekt Masse. Hier wachsen sie über sich selbst hinaus, sind Teil eines Volkes, einer Nation, einer Religion oder sonst eines historisch gerade opportunen ideologischen Produkts der jeweiligen ökonomischen und politischen Herrscher. Jetzt sind die Einzelnen zu allem entschlossen und müssen, wenn es schiefgeht, für nichts geradestehen, nur weiter buckeln.
Und wieder werden Legenden gezwungen. Mit ihrer Hilfe wird festgeschrieben, es war schon immer so, das ist nun mal menschlich, daran lässt sich doch nichts ändern. Und so wird, wenn es doch ungemütlich wird, an der Oberfläche gekratzt, die Möbel werden verrutscht, ein Frühjahrsputz ist wieder einmal von Nöten und hie und da wird das Personal ausgetauscht, die Toten hinausgetragen und die Fassade neu gestrichen. Das nennt man dann Wende oder Revolution. Und nach dieser „Reise nach Jerusalem“ wird der Satz, dass das schon immer so gewesen sei, eben menschlich, mit gegenseitigem Wohlwollen bestätigt.
Doch, es ist eben nicht menschlich, dass der Mensch sich seines Subjekts widerstandslos entledigen lässt und sich zum Sklaven vermeintlich göttlich determinierter Systeme macht. Es ist nicht menschlich, dass er vor lauter Blendung darin auch noch sein Glück erhofft, selbst wenn dies erst im Jenseits lockt – ja, er war stets bestrebt, ordnungsgemäß seine Pflicht zu erfüllen. Nein, es ist nicht menschlich, es ist kein genuin menschliches Verhalten, sondern ein historisches und damit ein endliches.
Zweifel wird diese auf Verdrehungen, Halbwahrheiten und Lügen gestützten Herrschaftssysteme in dem Moment zum Einsturz bringen, wo deren Grundlagen selbst als zweckgebundene, einzig dem Vorteil weniger Einzelner dienende Täuschungen und damit als alles andere als Offenbarungen entlarvt, erkannt und als Stützen hinweggefegt werden. Dieses radikale Zweifeln setzt bei der Geblendeten Mut und Vertrauen in sich selbst voraus. Noch liegt ein langer Weg liegt vor uns zu einer Gemeinschaft freier Subjekte.

Zweifel_schreitet_voranHenner Drescher

 

Zweifelsfrei
von Henner Drescher

Am Anfang war das Wort
Als zweites kam die Tat
Und nun herrscht großer Zweifel
„Da ham wir den Salat!“

 

Sawah
von Ernst Fuhrmann

Man nennt Pflanzenbau in bewässerten Gebieten »Sawah«. Es hat natürlich endlos verschieden arbeitende Sawahs – also die Sawah mit ihren Entwicklungen und Vernachlässigungen – gegeben, aber die Menschen hatten in jenen Zeiten keine Sorgen. Sie wollten auch unter keinen Umständen Krieg. Sie hatten große Ernteüberschüsse, sie feierten Feste in großartigem Stil und ließen ihre Überschüsse verschiedene Wege gehen. Sie haben ihren Überschuss in der Zeit gelassen und haben »viel Zeit vertrödelt«, wie wir sagen würden und ihre wunderbare Gamela-Kunst gebaut. Jeder konnte in diese Völker eintreten. Die Sawahs konnten endlos über die Erde erweitert werden. Es war das einzige Problem dieser Wirtschaft, sich selbst dauernd vernünftig zu lenken und zu steuern. Auch das ist lange, sehr lange Zeiten hindurch wunderbar gelungen. Der Verfall und die Zerstörung sind von außen her gekommen. Und zwar nur von den Räubern.
Die Räuber mögen das System vernünftiger Pflanzenwirtschaft niemals verstanden haben. Die Früchte des Systems haben sie immer richtig begriffen und – geplündert. Sie haben vom Plündern und Raub gelebt. Darin liegt seit mehr als zehntausend Jahren das Elend aller Völker. Man hätte, wenn sie bescheiden wie die Bettelmönche gewesen wären, solche Leute in jeder Zahl als Gäste aufgenommen und hätte sie ernährt und ohne jede Gegenleistung wieder fortgehen lassen, aber der Räuber hat die Arbeitenden mit Abgaben belegt, er hat die Forderungen seiner Steuer dauernd erhöht und hat dieses sinnlose System betrieben, bis die Leute müde wurden, ihre Sawah noch zu erhalten. Die Menschen der Sawah haben niemals daran gedacht, andere Länder zu erobern oder zu beherrschen. Räuber können niemals genug bekommen. Sie müssen ihren Raub dauernd ausdehnen, sie müssen zehnmal mehr Vieh haben als sie verwenden können.
Die echten Kulturen sind die der Landleute. Bei der Räubern sind nur Imitationen solcher Kulturen entstanden. Nicht die Pyramiden und Gräber Ägyptens sind die Kultur selbst. Wir verwechseln das. Bauwerke sind die Beschäftigung von Arbeitslosen. Diese sind zugleich immer Arbeitssklaven, denn wie soll ein Mensch einsehen, wozu eine Kirche, eine Pyramide, ein Bankpalast, ein Versicherungspalast, ein Königshaus gut sind? Wenn diese Bauwerke fertig sind, mag auch jeder Sklave seine Freude daran haben, aber er hat zum Leben selbst nicht das Mildeste beigetragen.
In der Sawah haben die Mitglieder miteinander gearbeitet. Sie haben kein Geld gekannt. Jeder hat seinen Teil Arbeit geleistet, aber niemand hat mit der Uhr diese Zeit gemessen, denn es war eine begrenzte Leistung und sie ist Jahrtausende lang fertig geworden.
Die Nordeuropäer haben die Sawah kaum gekannt, wenigstens nicht mehr zu Zeiten, von denen wir wissen. Bei ihnen ist folgedessen der Raubtyp des Menschen vollkommen verwildert, und er hat sich eingebildet, das Recht zu haben, alle Sawahvölker der Erde auszurauben, zu morden, auszunutzen und zu bedrücken, bis sie böse werden und sich dem Raubsystem anschließen. In diesem können nicht alle etwas werden, aber es besteht doch die Möglichkeit, nach und nach aufzurücken und einer der Oberräuber zu werden.
Das Leben des Räubers ist völlig anders als das des Sawahmannes. Wenn jemand nicht seine eigene Sawah anfangen will, so muss er rauben. Dann muss er auch sogleich lügen und sagen, dass ihm Gott, sein Gott, einen Rechtstitel auf das Land gegeben hat. Er wird dann sagen, dass seine entfernten Vorfahren einst auf dem Sawahland gejagt haben und dass man wenigstens das Recht hat, soviel Fleisch oder Frucht von diesem Land einzuziehen, wie einst das Wild ausgemacht hätte. Die eine Lüge zieht die andere nach sich, und die Lügen werden immer größer. Sie werden immer »praktischer«, und überall hat man den Landarbeitern den Besitz des Landes aberkannt. Das war um so leichter als diese niemals meinten, dass fruchtbares Land einen Besitzer brauchte. Nur die Nichtarbeiter waren der Meinung, dass sie das Land besitzen müssten, um es wegnehmen, verschenken, beleihen usw. zu können.
Dann fingen auch die Räuber an zu arbeiten. Sie machten Waffen, sie bauten Festungen, sie übten sich in Diplomatie. Sie machten Verträge mit den Sawahs, und die eine Räubergruppe teilte sich in zwei Hälften. Die eine bedrohte die Sawah, die andere verteidigte sie gegen die erste. Beide nahmen ihren Zoll. Die Räuber sind die Mutigen der Welt und leben, wahrscheinlich zur Erhaltung des Mutes, in dauernder Angst seit zehntausend vor unserer Zeitrechnung bis heute in allen Obrigkeiten der Welt. Der Pflanzer lebt ohne Angst, es sei denn vor den ehrlichen Mächten der Natur.
Die Gottheiten der Räuber geben dem einen Vorrechte, dem anderen entziehen sie alles. Diese Götter erlauben Diebstahl, Raub, Mord. Während der Sawahgott sagt: »Du sollst nicht töten«, sagt der Raubgott: »Das mag wohl sein. Nicht deinen Bruderräuber. Aber wenn du in den Krieg gehst, kannst du soviel morden wie du willst.« Es ist nicht erfreulich, die Unehrlichkeit bei den Gottheiten der Räuber zu verfolgen. Und da man die beiden »Religionen« miteinander unlösbar verwirrt hat, da man gerade den friedlichen Pflanzern die Verehrung der Raubgötter auferlegte, so weiß ein großer Teil der Menschen auf der Erde nicht, was er glauben soll. Und sie glauben gar nichts, es sei denn, dass es ihnen unmittelbar Geld einbringt – den Predigern wie den Gläubigen. Und dazu ist reichlich Gelegenheit, denn die Räuber haben durch die Hand ihrer Götter genug Gaben auszuteilen an die Leute ihrer Partei.
Wenn die Räuber nicht auf Beutezug sind, gehören sie zur Klasse der Arbeitslosen. Und zwar so endgültig und in allen Charakterzügen, dass man, auch wenn sie wild arbeiten, an der Nutzlosigkeit ihres Tuns erkennt, dass es Arbeitsverlegenheit mit Raub im Hintergrund ist, in der sie wühlen. Der Sawahmann hätte gesagt: Dass man arbeitet um zu leben, das braucht einem kein Gott zu sagen. Man weiß das. Der Raubmensch musste eine Weisheit daraus machen, dass jemand der essen will, auch arbeiten muss.
Ich denke gar nicht daran, den Diebstahl für eine Untugend zu halten. Hat man den ersten Schritt getan, dass man in die Reihen der Pflanzer niemals eintreten will, so muss man in ewiger Angst leben, dass dort, wo man rauben will, bereits ein anderer geplündert hat. Im Moment des Hungers aber entsteht Lüge, Raub und Mord. Nur in der Sawah hat das Stehlen keinen Sinn: hat man dort Hunger, dann besitzt auch der Nachbar nicht mehr und der Raub wird zwecklos.
Und ich denke auch, dass die Räuber in Stadt und Festung von jeher »Civis« genannt worden sind, dass »Civis« = »der Bürger«, »der Dieb« bedeutet. Das ist eines Tages wieder vergessen worden und »Civis« wurde ein Ehrentitel, denn nur die Räuber haben Ehrentitel auszuhändigen. In der Sawah braucht man keine Ehre, man ist ehrlich.

Der vorliegende Text ist ein von der Redaktion gekürzter Ausschnitt aus: Ernst Fuhrmann, Ergebnisse, In: Ernst Fuhrmann: Neue Wege, Zweite Sammelausgabe, Bd. 6, Hamburg 1957, S. 3-155. Der Titel Sawah wurde von der Redaktion gewählt.

 

 

Es gibt keine endgültige Fassung –
das Ungewohnte ist der Wert der Wahrheit
Zu den Schriften Ernst Fuhrmanns in der neuen Folge von Zweifel

Die Texte Ernst Fuhrmanns, zumal die philosophisch-wissenschaftlichen, stellen den Leser vor ungeahnte Schwierigkeiten, da sie von der üblichen Linearität des literarischen Diskurses absehen. Was gemeinhin als ‚roter Faden‘ bezeichnet wird, fehlt ihnen oftmals gänzlich. Hieran fügt sich, dass Fuhrmann am Ende seiner Studien in aller Regel keine Lösungen oder Antworten präsentiert, sondern bestenfalls weitere Fragen.
Ernst Fuhrmann nähert sich Problemen auf eine ihm eigene Weise. Er wechselt – manchmal auf geradezu atemberaubend-skurrile Art – die Perspektive, mit der dann die Sachverhalte und Problemstellungen beleuchtet und diskutiert werden. Er rastert das Bedenkbare, indem er den Blickwinkel jeweils verschiebt. Fuhrmann umkreist den Stoff, der für ihn von Interesse ist, auf jede mögliche und unmögliche Art und Weise. Es ist somit ein beständiges Anrennen und ein rüdes Abbrechen im steten Wechsel. Oder, mit den Worten Ernst Fuhrmanns: „Weil ich selbst es liebe, durch Töten das Schaffen zu beginnen“1). Metaphorisch gesprochen ist der Fuhrmannsche Weg nie gerade, sondern immer konzentrisch-assoziativ. Dieser Weg kommt zu keinem wie auch immer gearteten Ende, sondern nur zu verzweigteren Weggabelungen oder, anders ausgedrückt, stets zu neuen Fragen. Für Fuhrmann war nichts gewiss und schon gar nicht das ‚gesicherte‘ Wissen: „Die Legende von der Speisung der Zehntausend wiederholt sich an jedem Tag. Man weiß ganz genau, dass das Wunder nicht möglich ist, und es geschieht immer wieder, wenn man sich nicht auf das Wissen verlässt, aber das Wissen zu verlassen ist ungeheuer unbequem; man muss so intensiv leben, dass man vergisst zu rechnen“2). In seinen Texten hat er oftmals vergessen, „zu rechnen“ – was deren Lektüre so schwierig und zugleich so reizvoll macht.
Die Redaktion von Zweifel stellt Texte dieses ungewöhnlichen Denkers vor. In Anlehnung an die Fuhrmannsche Arbeitsweise werden diese Texte jedoch nicht stringent-linear wiedergegeben, sondern assoziativ-fragmentarisch. Die Schriften Ernst Fuhrmanns verdichten eine Fülle von Gedanken und Ideen wie selten in der Literatur. Aus jeder Schrift ließen sich daher mit Hilfe des von der Redaktion angewandten Verfahrens eine Vielzahl neuer Schriften schaffen, ohne dass das Fuhrmannsche in ihnen dadurch verloren ginge.
Im Sinne einer Einführung in das Werk Ernst Fuhrmanns soll durch die Montage der Texte zweierlei erreicht werden: Zum einen ist die Redaktion durchaus bestrebt, die ‚Lesbarkeit‘ und ‚Verständlichkeit‘ der Fuhrmannschen Ausführungen zu erhöhen, zum anderen soll natürlich die Lust auf die Originaltexte geweckt werden.

1) Ernst Fuhrmann: Reise. In: Mariposa. Autobiographische Schriften, Amman 2006, S. 8
2) Ebd., S. 8

Die Redaktion

 

Von der blöden Ernsthaftigkeit des Reizes eines Versuchs einer Analyse am Beispiel: Übertreibung

von Julia Sohn-Nekrasov

 

„… I want to be plastic.“ (Andy Warhol)

Der Mann hat keinen Dunst, woher die neunjährige Tochter das nimmt: „Papa, erklär mir den Unterschied zwischen Erotik und Exotik!“ Aber klar
ist dem Mann, dass der Einzug von Fremdwörtern in den Köpfen der Kinder Altkluges eingeschleppt hat und nun alle steifschlägt und verstört und jedenfalls nicht amüsiert.
Und gerade dann, warum lacht er dann nicht?

Und das zu klump gehauene Nachbarhaus; jetzt eine gläserne Sushi-Bar,
für wen?
Für die Zukunft verdammt!!
Aber nicht für den Mann, der keinen Durst auf Sushi kennt.

Die soundsovielte Tochter
will er nicht gesehen haben
und geht kurzerhand auf die andere Straßenseite
denn sie trägt ihn
den Winterpelz im Sommer!
Nein, er lacht nicht; er nimmt alles pelz und ehrlich.

Und die Kollegin auf der Straße, mit der er ins Gespräch kommen wollte, aber nur unwillig erfahren musste, dass sie gerade ihre siebte Versicherung abgeschlossen hat (für oder gegen was ist gänzlich in vielfältige Unsicherheit geraten), verwandelt sich in seinem inneren Auge und sieht aus wie ein in Glaswolle paniertes Filetsteak. Was ist nur wieder mit den Leuten los, denkt sich der Mann mal wieder auf dem Nachhauseweg.

Der deutsche Friedhof ist dem Mann endlich schiefe Wut!! Denn sie werden immer größer die Höfe des Stillstandes; und die Verstorbenen zusehends beliebter und verehrter als der Lebende da hier oder da neben dir … – so empfindet der Künstler und ist sogar bedrückt.

Der 1. Schultag wird zum Bankett; keine kleine Fotographie
mit aller knittrigen und sommerschweren Vorahnung und dem süßen Most der Gutwilligkeit.
Zugegeben
alles gescheitelte Aufregung.
Nein, die Mütter heute gehen zum Friseur, die Väter betrachten das Aufladen der Batterien
und die Organisation ist im Voraus und im Nachhinein
ein einziges: Worum ging es eigentlich?

Die Übertreibung
ist Spaß für den Mutigen
und selbstverständlich für den Gesetzesbefreiten. Aber die Übertreibung muss gelingen; wenn ihre Auftritte nicht schillern bevor sie zusammenfallen wie Kartenhäuser
nehmen wir das Ganze sehr ernst – so sind wir erzogen. Und strafen mit Enttäuschung.

Die Übertreibung ist amorph und zeigt doch Zellwachstum;
sie kriecht drauflos. Sie zerstört eine Sensibilität oder eine Erkenntnis, eine Andacht oder eine Kunstrichtung, eine Aussage
oder einen Rhythmus. Die Übertreibung kann gehässig werden
und alle auseinanderbringen. Die Übertreibung kann feige und harmlos in der Kulisse stehen und zusehen wie sich alle missverstehen und eindeutig missverstehen und da nicht wieder rauskommen. (Selbst schuld!)
Und in ganz anderen Fällen kann sie die Leute in mächtiges Staunen versetzen und entwaffnen. Und ihre Wichtigmache wird nicht allein zu fett, sondern gepriesen. Aber dann tritt sie zumeist auf der Stelle ihres Rätsels, das es nämlich nicht gibt.
Nein die Übertreibung
gleitet aus den Fingern. Vorwürfe, Entlarvungen, Enttäuschungen mutieren und schnellen hinüber – Bumerang!

Und deshalb verdient wiederum dieser Doku-Filmer sein Geld
weil er den Streifen über die lächerliche Übertreibung der Kleinbürger, Züchtervereine, Hobbyhistoriker oder humorlosen Denker, Künstler, Kritiker und Väter unter die Lupe genommen hat. Und jetzt peinlich zufrieden ist und total als „was Besseres“ cool ist
also außen vor!! Hm

 

fuck-you-shiva
von Kai Pohl

erdekauend auf der erde kauern
honig von lochstreifen
milch aus festplatten lutschen

die menschwerdung der maschine
abstottern
im klub zum betreuten dichten

 

Genbedingt
von Rembert Baumann

»Der Transrapid musste wegen seiner Stromlinienform scheitern.«

Der Aufschwung ist angekommen. Sieht gut aus. Der Tüchtige bekommt was ihm zusteht. Staatsschutz. Werkschutz. Schutz der Privatsphäre. Überwachung. Kommunikationsüberwachung. Videoüberwachung. Wohnraumüberwachung. Den Arbeitsplatz sowieso. Wer nichts zu verbergen hat, dem ist es recht. Zuviel Freiheit wird ausgenutzt. Was man hat, hat man. Was nicht passt, wird passend gemacht. Verfassungsschutz. Regierungsschutz. Was nicht wahr ist, wird wahr gemacht. Keine Tabus. Was Recht ist, muss Recht bleiben. Da ist die Politik gefragt. Fakten. Wirtschaftskrise. Weltwirtschaftskrise. Haben die Auswirkungen in voller Wucht zu spüren bekommen. Hatten lange schon über unsere Verhältnisse gelebt. Hatten einen Schuldenberg hinterlassen. Die Ressourcen geplündert. Das Klima gewandelt. Flugverkehr. Massentierzucht. Individualverkehr. Aus Liebe zur Freiheit. Gutes tun. Arbeitsplätze schaffen. Investieren. Alle sind gefordert. Energiesparglühlampen kaufen. An die Kinder denken. Kohlendioxid. Den demographischen Wandel. In Zeiten der Krise müssen alle enger rücken. Arbeit muss wieder bezahlbar werden. Abschwung – Aufschwung.
In bekannten Welten. Verändern. Oberflächenspannung. Peripherie. Friedliche Revolution. Nicht an Folgen messen. Aktiv sein. Mit der Gesamtsituation unzufrieden zufrieden sein.
Keine Kritik.
Der Bankierssohnmörder Gäffken hatte letztendlich seine Sache übertrieben. Er wollte ran ans Geld. Erfolg haben. Will doch jeder. Auf die community kommt es an. Rein in die gute Stube. Wird schon ein Stück abfallen. Werden doch den Freund des Hauses partizipieren lassen. Sonst wird nachgeholfen. Nur nicht auf den Zufall warten. Aktiv sein. Das Glück zwingen. Frontal. Damit kann man leben. Die etwa nicht? Jetzt sollen sie die Folgen tragen. Aber nachhaltig. Hätte Gäffken nicht gleich maßlos übertrieben, sähe es anders aus. Wäre heute gut aufgestellt. Hätte nur die Dialektik der Übertreibung erkennen müssen. Dennoch, er hatte es nur gut gemeint. Genbedingt. Seit der 2. Sitzung des Zukunftskreises Wirtschaft und Politik des Frankfurter Zukunftsrates am 3. Juni 2009 an der Universität Bonn ist bekannt, dass das gierige Finanzverhalten bei vielen Menschen unermüdlich herrscht und abhängig macht. „Die Gier im Finanzwesen ist genbedingt. Beim Aufbau staatlicher Regularien müssen diese speziellen Mechanismen des zentralen Nervensystems mehr berücksichtigt werden.“ Verhalten determiniert. Genuine Verantwortungsunfähigkeit. Da ist es doch geradezu zwingend, dass der Mörder sich unschuldig fühlt. Reagiert eben frontal. Genbedingt. Tun doch alle.

 

Staatsdiener
von Ernst Fuhrmann

Der Mensch nur als „Glied“ in einem größeren Wurmgebilde ist wohl die am einfachsten zu verstehende Erscheinung. Es sind da natürlich sehr verschiedene Würmer, die ihn inkorporieren können, und der Mensch wechselt absolut willenlos, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern. Er kann den ganzen Wurm nicht übersehen. Er nimmt seinen Platz ein in Wurmkörpern, die eine große Arbeit vorhaben und in solchen, die andere Menschen morden werden. Man könnte sagen, dass Mitglied in einem Mordwurm zu werden, eigentlich von allen mit Freude begrüßt wird. Der Platz in Arbeitswürmern ist viel weniger beliebt, aber in Mord- und Vergewaltigungswürmern melden sich die Glieder freiwillig. Der Wechsel von Staatsbeamten von einem System zum anderen muss unter diesem Gesichtspunkt gesehen werden. In der Gegenwart werden ganze Körper von Beamten gesiebt durch Lügenmaschinen, die zu registrieren haben, ob der Untersuchte zuverlässig ist oder nicht. Die Maschine kann nicht arbeiten, wenn der Sträfling wild und heftig ist, denn es können ja nur Impulse gemessen werden. Insbesondere sollen die Bewegungen eines bösen Gewissens registriert werden. Die Häftlinge können sich seltsamerweise anscheinend selten daran gewöhnen, vor dem Maschinen-Richter vollkommen gewissenlos zu erscheinen und für sich selbst zu entscheiden: „Was ich denke, geht euch einen Dreck an!“
Bei vollkommen indifferenter Ruhe kann diese blöde Maschine natürlich nicht funktionieren. Genau so wenig, wenn der Untersuchte wegen seiner Erniedrigung vor dem Maschinen-Richter dauernd so böse bleibt, dass sein Gemüt von einer Tobsucht in die andere fällt, so wie es sich gehören würde. Von einem Amt zum anderen werden die Glieder versetzt. Sie arbeiten in allen gleich gut. Sie lassen sich mitwinden. Da ihr vorhergehendes Glied ungefähr diese und jene Bewegung macht, machen sie die gleiche. Jeder Mensch wird selbst zur bösen Behörde, bevor er mit ihr in Berührung kommt. Er beschuldigt andere, er verfolgt andere, ihm missfallen andere und die Kritik des anderen nimmt kein Ende. Eben aber mit dem, worin sich der Einzelne zum Richter über andere macht, macht er schon den Staat, während es so leicht wäre, selbst bei Tausenden von Mitmenschen zuerst die Bedingungen zu prüfen, unter denen sein Leben, so weit wie es kam, begann, und daraus zu folgern, wie jeder werden musste, wenn er den gleichen Bedingungen unterworfen war, so dass nur die Bedingungen kritisiert würden, und zwar solche wie Elend und Verwilderung, wie sie der Staat dauernd weiter toleriert. Es darf also nicht das einzelne Glied sein, das sich vor der Lügenmaschine rechtfertigen muss, sondern der Staat hätte seine relative Lauterkeit beweisen müssen. Mich berührt es seltsam, dass die Menschen so wenig versuchen, am Staat zu bessern. Gewiss, es mag das Schwerste sein, was man in Angriff nimmt, aber zugleich das Dringendste.
Ebenso hat man es hingenommen, dass im Grunde die nichtswürdigsten Vertreter Herrscher des Staates waren. Dass irgendein Mensch von Wert sich niemals zum Staatsoberhaupt wählen lässt, steht ja seit langer Zeit fest. Man denke an die unwürdige Selbstpropaganda, die lärmenden Reisen, die heute Leute machen, um Präsident zu werden. Ich habe stets empfunden, dass niemand dieses Opfer bringen könnte, weil es ihn von vornherein erniedrigt und ernstes Denken unmöglich macht.
Dies sind so lockere Gedanken, die in unserer heutigen Welt beginnen. Aus ihnen allen ein System machen, da keinerlei Anfänge der Sache selbst in Sicht sind, widerstrebt mir. Ich neige dazu, zu denken, dass die Staaten hässlich verfallen werden, und dass neue Anfänge voll von Schmerzen sind, in denen alles, was neu sein muss, aus den Ängsten her gedacht wird.
Die Todesangst muss aus einer kommenden Generation beseitigt werden. Gerade in dieser Hinsicht muss der Mensch durchaus wieder zum Tier zurückkehren.
Der vorliegende Text ist eine von der Redaktion gekürzte Fassung von: Ernst Fuhrmann, Unsere Welt, In: Ernst Fuhrmann: Neue Wege, Zweite Sammelausgabe, Bd. 5, Hamburg 1954, S. 134-167. Der Titel Staatsdiener wurde von der Redaktion gewählt.

nach der welt
von Kai Pohl

erwachen mit einer krähe im auge
schaukelnde puschel
knarren der elster
die erdachte erdachse der dachse
karrt
generäle an die front
unternehmer in die produktion
solange die hüllen opak sind
bleibt die klarheit im dunkeln

 

Impressum
Redaktion (2017):
Rembert Baumann, Andreas Hansen, Alexander Krohn, William Cody Maher, Cvetana Oberfrank, Hermann Jan Ooster, Bert Papenfuß, Kai Pohl, Clemens Schittko, Christine Sohn, Julia Sohn-Nekrasov, Rainer Weber, Frank Vögele

Herausgeber: Rembert Baumann

 

Kontakt Zweifel-Redaktion:

Tel.: 01520 2969306
E-Mail: redaktion.zweifel@gmx.de

 

Kontakt Verlag:
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Eine Edition (zwei Oktav-Hefte mit mindestens je 32 Seiten) kosten 10,00 Euro.

 

 

Einladung zur Lesung im Rahmen des Literaturfestivals Widerständige Literatur im Wandel der Revolutionen (1.- 9. November 2017)

Am 1. November 2017 erscheint die nächste Ausgabe der Zeitschrift Zweifel (Hefte 4 und 5)

Einladung zur Lesung:

Rumbalotte Prenzlauer Berg Connection e. V. präsentiert:

DIE WACHEN SIND MÜDE

Widerständige Literatur im Wandel der Revolutionen (1.— 9. November 2017)

 

Mittwoch 1.11., 20 Uhr, Watt

ZWEIFEL-Release-Lesung

„Lange können wir uns nicht mehr halten, aber ich glaube, unsere Kinder können stolz auf uns sein.“ (Peter-Paul Zahl)

Solange unsere „Freiheit“ nichts ist als eine Inszenierung von Gleichschaltung im Vielklang, wird die Zeitschrift ZWEIFEL aus stets ungewohnten Perspektiven  gesellschaftlich gemeingültige Vorstellungen und Wertsysteme unter Nichtbeachtung von Tabus in Zweifel ziehen. Darüber gibt es keinen Zweifel.

Es lesen: Rembert Baumann, Hermann Ooster und Julia Sohn-Nekrasov

 

Donnerstag 2.11., 20 Uhr, BAIZ

Kai Pohl: Große blonde Friedenstaube

Jannis Poptrandov: Digital ist der Zukunft, Bruder – Geheime Notizen aus der Jamaika-Zentrale

 

Freitag 3.11., 19 Uhr, BAIZ

Ann Cotten: One colour bullock

Lutz Heyler: alles geschriebene bisher punk

Bert Papenfuß/Lutz Heyler: Nasser Sommer/Schnelles Helles

 

Sonntag 5.11., 20 Uhr, Lokal

Franziska Hauser: Imda oder Die Trakehner Pferde der Familie Petereit

Bastienne Voß: Grünauge sieht dich

 

Sonntag 5.11., 22 Uhr, Luxus

Rubin Gerull, Christine Sohn: Streunerungen

 

Montag 6.11., 20 Uhr, Fehre 6

Schöne Aussichten

Die in Berlin erscheinende Zeitschrift telegraph wurde im Oktober 1989 gegründet. Bis heute, zwischen allen Stühlen sitzend, werden Texte zu aktuellen politischen Entwicklungen, radikalem Widerstand und geschichtlicher Aufarbeitung publiziert. Gewürzt mit kulturellen Randerscheinungen und sportlichen Betätigungen erscheint der telegraph in Buchdicke zweimal im Jahr. Bald ist es wieder soweit. Eine Vorschau gibt es in der Montagsbar.

Vortragende: Florian Ludwig, Jannis Poptrandov, Marek Winter

 

Dienstag 7.11., 20 Uhr, BAIZ

Rich Kids of Literature: „Ist das noch Literatur?“

 

Mittwoch 8.11., 20 Uhr, Watt

Jörg-Michael Koerbl: Gestern war Revolution

Brigitte Struzyk: Unterm Essigbaum

 

Donnerstag 9.11., 20 Uhr, Wabe

ОКТЯБРЬСКАЯ RUMBALOTTE

Eine sozialrevolutionäre Rockestrade.

Mit: Inés Burdow, Rex Joswig, Alexander Krohn, Bert Papenfuß, Uwe Preuss, Caspar Radunz, Marie Rozoum und Bastienne Voss, sowie King Snow und Thor Sten Beckmann an den Gitarren. Bordfunk: Rex Joswig; Bildorgel: Frank Diersch.

 

rumbalotte-pbc.de

Eintritt frei! Die Veranstaltung in der Wabe am 9.11. kostet 7 bzw. 10 Euro.

 

Veranstaltungsorte

BAIZ  Schönhauser Alle 26 A, 10435 Berlin

FEHRE 6  Fehrbelliner Straße 6, 10119 Berlin

Lokal  Knaackstraße 94, 10435 Berlin

Luxus  Prenzlauer Allee 197, 10405 Berlin

WABE  Danziger Straße 101, 10405 Berlin

Watt  Metzer Straße 9, 10405 Berlin

 

Zur Neuen Folge von Zweifel

Die Zeitschrift­ Zweifel wurde 1926 von Ernst Fuhrmann begründet und bis 1929 herausgegeben. Ab April 2008 erschien Zweifel in neuer Folge in losen Abständen. Seit Mai 2017 kommt Zweifel jährlich in drei Editionen heraus (März, August und November). Eine Edition besteht jeweils aus zwei Oktav-He­fen à 32 Seiten. Gedacht sind vorerst drei Jahrgänge.

Auch kün­ftig wird sich Zweifel den groß angelegten Betrügereien, die den Aktivisten des Betrugs meist nicht einmal bewusst sind – egal ob sie sich unter dem Mantel der Verheißung von Freiheit, Erlösung, Glück, Harmonie oder gar Abenteuer in die Gehirne schmeicheln – entgegenstellen.

Zweifel wird unter Nichtbeachtung von Tabus gesellscha­ftlich gemeingültige sowie individuell konzipierte und begrenzt gültige Vorstellungen und Wertsysteme in Zweifel ziehen und so Perspektiven einnehmen, die auch auf die Lösung gegebener Probleme gerichtet sind.

Zweifel wird die Wurzeln freilegen und Erstarrtes umbetten in fruchtbaren Boden.

Zweifel wird sich mit den Gedanken Ernst Fuhrmanns (dem Begründer und Herausgeber der Zeitschrift­ von 1926 bis 1929) auseinandersetzen, ohne sich auf die Verbreitung seiner Gedanken und Schri­ften reduzieren zu wollen.

Zweifel zieht keine Grenzen zwischen den verschiedenen Formen der Künste und den verschiedenen Formen der Wissenscha­ften.

Zweifel bewegt sich auf allen Gebieten und bedient sich aller Methoden, die der jeweilige Produzent beherrscht oder zu beherrschen sucht.

Der Redaktion ist bewusst, dass sie den gigantischen Maschinerien der Meinungs- und Bewusstseinsindustrien fast nichts entgegenzusetzen hat. Zweifel sieht sich daher als Versuch der Sammlung von Menschen, die radikal und konstruktiv alles in Frage stellen, was als „selbstverständlich“ propagiert und von den meisten Menschen auch so angenommen und in die Tat umgesetzt wird. Dieses radikale aber auch konstruktive Zweifeln hat zum Ziel, aus den Ergebnissen Erkenntnisse abzuleiten, die wiederum bei den Lesern Zweifel wecken.

Zweifel ist ein Experiment, mit dem Ziel – die Überwindung der vielen Menschen inhärenten Trägheit vorausgesetzt – einen dynamischen Prozess in Gang zu setzen.

 

Bisher erschienen:

Zweifel, Neue Folge
1. Jahrgang (2008)
Heft 1

(Illustrationen: Guiseppe Mendolia-Calella )

Baumann, Rembert: Zweifel S. 1
Fuhrmann, Ernst: Zuschnitt S. 6
Borodynia, Alexander: Nachwort S. 12
Fuhrmann, Ernst: Sicherheit S. 16
Jung, Franz: Freilufttheater S. 21
Pohl, Kai: Dark Matter S. 23
Papenfuß, Bert: Zweifel über alles S. 25

Heft 2

(Illustrationen: Guiseppe Mendolia-Calella )

Fuhrmann, Ernst: Versionen S. 33
Krohn, Alexander: Atem S. 38
Vögele, Frank: Kasperl im Leichenhaus
Der Dichter Jakob Haringer S. 40
Knofo: Wir drinnen – ihr draußen S. 50
Jung, Franz: Ende S. 52
Jung, Franz: Einführung S. 54
Hansen, Andreas: Double mind S. 56
Baumann, Rembert: Nach Hause S. 59
Vögele, Frank: Außerhalb S. 63

2. Jahrgang (2012)

Heft 3

(Illustrationen: Guiseppe Mendolia-Calella )

Knofo: Redundanz S. 1
Petersen, Jes: Frustration S. 2
Baumann, Rembert: Legende und Herrschaft S. 4
Koroljov, Anatolij: Zweifel wächst S. 10
Pohl, Kai: Zwei Parolen S. 12
Fuhrmann, Ernst: Sawah S. 15
Sohn-Nekrassov, Julia: Übertreibung S. 18
Baumann, Rembert: Genbedingt S. 20
Bert Papenfuß: Im Ablauf des Ablaufs S. 22
Rheinsberg, Anna: Für Laszlo Schulz S. 26
Crauss: Die Abnutzung der Kunst S. 28
Drescher, Henner: Zwei S. 30
Andreas Hansen: Double mind: Restauration S. 31
Jung, Franz: Samt (Vorschau) S. 32

Sonderheft 1

(Illustrationen: Ilia Kitup)

Frank Vögele: Leben – Widerstand der Luft
für fallende Dinge. Hinweisezu Ernst Fuhrmanns Roman
Prohibition S. 1
Ernst Fuhrmann: Prohibition (Roman, 1. Teil) S. 3

 

Ab 2017 erscheint Zweifel in regelmäßiger Folge in 3 Editionen (2 Hefte in Banderole) pro Jahr.

3. Jahrgang

Heft 1, Mai 2017

(Illustrationen: Günther Meck)

(Fuhrmann, Bernhard, Lichtenberg, Jung, Cioran, Rousseau):  Stimmen S. 1

Der Herausgeber: Zeit des großen Spektakels S. 2

Pohl, Kai: Späte Einsicht S. 3

Fuhrmann, Ernst: Freisein S. 4

Die Redaktion:  Es gibt keine endgültige Fassung  –

das Ungewohnte ist der Wert der Wahrheit S. 6

Fuhrmann, Ernst: Herrschaft der Ausrufer S. 7

Baumann, Rembert: Glaube, Demut, Unterwerfung S. 9

Kröcher, Norbert „Knofo“: Wir drinnen – ihr draußen (2)  S. 17

Engels, Friedrich: Kurze Bemerkung zur Religion S. 18

Weber, Rainer: If the sun refused to shine

I don’t mind, I don’t mind S. 19

Papenfuß, Bert: Neoguri Urangolkonda S. 23

Rautenberg ,Arne: Höllenschlünde, go. go, go! S. 26

Krohn, Alexander: Traumberuf  S. 28

Baumann, Rembert: Der widersetzliche Maler Günther Meck  S. 29

Heft 2, Mai 2017

(Illustrationen: Günther Meck)

Fuhrmann, Ernst: Außenseiter S. 33

Pohl , Kai: Partisanen S.  34

Fuhrmann, Ernst: Krieg banal S. 37

Schittko, Clemens: MachinenMilchMüll /

Tagebuch eines 17. Juni S. 40

Kröcher, Norbert „Knofo“: Wir drinnen – ihr draußen (3) S. 43

Sohn-Nekrasov, Julia: Wir bestellen neu S. 44

Fuhrmann, Ernst: Rätsel des Unmöglichen S. 45

Koziol,  Andreas: Sinnlose Opfer S. 46

Weber, Rainer: Post für Gott S. 48

Rheinsberg,  Anna: Drei Gedichte für Laszlo Schultz S. 55

Vögele, Frank: Gift im Rückgrat S. 56

Heft 3, August 2017

(Illustrationen: Günther Meck)

(Bernhard, Fuhrmann): Stimmen S. 65

Papenfuß, Bert: Streiflicht aus der Grauzone der Verschwörungspraxis S. 66

Fuhrmann, Ernst: Die Menschen verkommen S. 68

Schittko, Clemens: Wo bleibt die Revolution S. 71

Hoege, Helmut: Biologische und politische Zweifel S. 75

Köster, Cornelia und Hansen, Andreas: Kleinkrieg-Terror-Dialog S. 80

Maher, William Cody: Der gute Cop S. 90

Weber, Rainer: Probier’s mal mit Gemüthlichkeit S. 93

Sohn-Nekrasov, Julia: Vorsicht S. 97

Ooster, Herman Jan: Eine Schöpfungsgeschichte S. 99

Kitup, Ilia: Russland illustriert S. 104

Sonderheft 2, August 2017

(Illustrationen: Ilia Kitup)

Ernst Fuhrmann: Prohibition (Roman, 2.  und letzter Teil) S. 41